Sonntag, 9. Januar 2011

Torres del Paine

Am 3. Januar waren wir in Puerto Natales, einer zugigen Kleinstadt am Ultima Esperanza-Fjord angekommen. Der Name des Fjords bedeutet "letzte Hoffnung", da ein Arbeitskollege von Magellan im 16. Jahrhundert hier verzweifelt einen Ausweg aus dem Gewirr der Fjorde und Inseln suchte.
Puerto Natales ist die Ausgangsbasis für die Wandertouren im Torres del Paine-Nationalpark. Trotz der sehr vielen Touristen die hier ankommen, übernachten und sich hier mit Campingausrüstung und Proviant versorgen, hat sich die Stadt überraschenderweise ein unaufgeregtes und lockeres Flair bewahrt.
Der Torres del Paine-Nationalpark gilt als das Highlight Patagoniens. Der Park hat seinen Namen von den drei mächtigen Granittümen, die in seinem Zentrum von anderen Bergmassiven umstellt aufragen. Die Torres kann man überhaupt nur aus grösserer Entfernung von Südosten oder ganz am Ende einer beschwerlichen Bergwanderung sehen. Man muss sie sich erarbeiten! Und auch dann braucht man noch Glück, denn der Torres del Paine-Nationalpark ist berüchtigt für sein mieses Wetter, so dass die Türme enttäuschenderweise oft in dicken Wolken verborgen bleiben. Wohl aus diesem Grund steht auf der offiziellen Wanderkarte: "wasser- und  tränenfest"...
Aber auch neben den Torres gibt es viel zu sehen: Unterhalb der Berge breiten sich die unterschiedlichsten Landschaften Patagoniens auf relativ engem Raum aus. Riesige Gletscher, grosse türkisfarbene Gletscherseen, windgepeitschte Wälder, dornige Strauchsteppen. Dazu Guanacos, Kondore und (angeblich zu viele) Pumas.
Wir hatten uns für das klassische fünftägige "W" entschieden. Diese Wanderroute hat den Vorteil, dass Teile der jeweiligen Tagesetappen ohne schweres Gepäck gemacht werden können. Man richtet also sein Zeltlager ein und läuft von dort mit kleinem Rucksack weiter zu den Attraktionen. Die Wettervorhersagen waren sich uneinig, ob es nun mittelprächtig oder eher nass werden würde. Aber wir hatten eh keine Zeit zum Warten und so ging es am 4. Januar los.
Wir gelangten mit Bus und Boot zum Startpunkt, einem lauschigen Zeltplatz am wunderbar türkisfarben Pehoe-See. Nach einem lustigen Abendbrot, bei dem David und Jeanette aus Brighton und Thomas und Birgit aus dem Allgäu leicht neidisch auf undere Gourmetbrötchen schielten, arbeiteten wir uns in unser gemietetes gelbes Himalaya 2-Zelt hinein. Dieses äusserst windschnittige Teil ist offenbar um zwei, in Idealposition nebeneinanderschlafende Personen herumgeschneidert worden. Bequem sieht anders aus...
Nach der ersten Nacht war der Grey-Gletscher das erste Etappenziel. Der mit Kreide angeschriebene Tageswetterbericht (eine Wolke mit viel Regen) sollte sich glücklicherweise nicht bewahrheiten. Wir wanderten die welligen elf Kilometer bei bestem windigen Sommerwetter entlang des Lago Grey auf den gigantischen Gletscher zu. Kleine Eisberge trieben im See, am Aussichtspunkt dümpelten hunderte Eisschollen im Wasser. Nach dem Rückmarsch gings mit Gepäck noch weiter zum nächsten Campingplatz, wo wir am dritten Tag zum Los Cuernos-Aussichtspunkt wanderten. Die Cuernos del Paine (Cuernos = Hörner) sind massive Granitberge, die eher wie monumentale Skulpturen aussehen. Am vierten Tag lag der härteste Teil der Wanderung vor uns, wir schafften die vielen Kilometer mit vollem Gepäck aber viel schneller als erwartet und kamen daher auch weiter als gedacht. So konnten wir den kurzen aber harten Aufstieg zum Torres-Aussichtspunkt noch in Angriff nehmen. Dieser letzte Teil ist eine Art Strandweg, der 45° nach oben geht...
Am Vormittag war der Himmel von dichten Wolken bedeckt gewesen, am Nachmittag hatte es zunehmend aufgeklart und nach einer Stunde standen die Granittürme vor blauestem Himmel vor uns. Umgeben von vielen ebenso euphorischen Wanderern genossen wir glücklich die warme Sonne, den unfassbaren Ausblick und das eiskalte Gletscherwasser um unsere Füsse. So toll!

Vor dem Aufstieg hatte uns die Technik einen Schrecken eingejagt, denn die Kamera meldete eine halbe Stunde vor dem Ziel, dass die Speicherkarte nicht lesbar sei. Wir konnten mit einer anderen Karte weiterfotografieren, die Bilder der ersten drei Tage schlummern aber (vorerst) unerreichbar auf der kaputten Karte. Dass es doch Bilder vom Gletscher und den Cuernos gibt verdanken wir Sabine, die uns gerade ihre gesamten Wanderbilder kopiert hat. 

Grey-Gletscher und Lago Grey

Cuernos del Paine und Lago Pehoe

endlich zu sehen: die Gipfel der Torres


am Ziel















die Torres del Paine mit Gletschersee

Torre Sur, Torre Central und Torre Norte


Sonntag, 2. Januar 2011

Perito Moreno-Gletscher

Douglas Adams hat mal in einem Buch geschrieben, irgendein Gletscher in Neuseeland sehe von oben aus wie tausende, aus grosser Höhe abgeworfene gotische Kathedralen. Diese Beschreibung passt auch gut für den Perito Moreno-Gletscher, den wir heute angeschaut haben.
Der Perito Moreno ist ein Gletscher des riesigen südpatagonischen Eisfeldes. Nur die Antarktis und Grönland sind noch grössere Reservoire von gefrorenem Süsswasser auf dieser Erde. Als Teilgletscher dieses Eisfeldes hat der 60km lange Perito Moreno einige Besonderheiten. Zum einen wächst er nach wie vor kontinuierlich. Desweiteren mündet er in den Lago Argentino, den grössten See Argentiniens, stösst dabei mit seiner Gletscherzunge auf eine Halbinsel und blockiert damit eine Verbindung zwischen dem See und einem Seitenarm. Nach und nach verändern sich die Wasserstände auf den so getrennten Seeteilen und irgendwann ist der Druck so hoch, dass das Wasser die blockierende Gletscherzunge wegsprengt. Ein Naturschauspiel, welches es zuletzt 2008 zu sehen gab. Die dritte Besonderheit liegt darin, dass die 60-80m hohe Gletscherzunge von der Halbinsel perfekt beobachtet werden kann. Der Gletscher schiebt sich täglich etwa 1-2m vor. Gletscherabbrüche in den Lago Argentino sind dadurch häufig und aus nächster Nähe zu beobachten.
Wir kamen am Neujahrs-Nachmittag in El Calafate an, einer Kleinstadt die das "Eingangstor" zum Perito Moreno und zum Nationalpark "Los Glaciares" ist. Hier lebt nun wirklich jeder vom Tourismus. Der Ort besteht aus Unterkünften, Restaurants, Boutiquen, Casinos und allem was der Tourist noch mag. El Calafate ist so eine Art Flaschenhals, wo jeder der durch Patagonien reist mal durchschlüpfen muss. Es ist also gut besucht hier. Am Busbahnhof hatten wir bei der Ankunft die gute Idee, gleich unsere Weiterreise zu organisieren. Das war gut so, denn nur in einem, der zwei Tage später fahrenden Busse gab es noch genau zwei Plätze! Nachdem wir die Gletschertour zum Perito Moreno eingefädelt hatten, wurden wir mit einem altbekannten, aber doch unerwarteten Problem konfrontiert. In El Calafate -einer Stadt wo jeder irgendwas verkaufen will- war nirgends Geld zu bekommen. Wirklich alle der nicht wenigen Geldautomaten waren leer oder kaputt und daran sollte sich sowohl am Neujahrstag, als auch am darauffolgenden Sonntag freilich nichts ändern. Spassig, besonders wenn das bezogene Hostel keine Kreditkarten akzeptiert. Nachdem wir uns schon genau überlegt hatten, wie wir elegant und ohne zu zahlen die Stadt verlassen könnten ;-) fanden wir eine Menschenschlange und eine dazugehörigeWechselstube, wo wir wiederum zu einem fantasievollen Kurs tauschen konnten. Wieder flüssig!
Heute fuhren wir dann, wiederum bei traumhaftem Sommerwetter entlang des 5°C-kalten Lago Argentino zum Gletscher. Man gelangt vom Parkplatz zum ersten Beobachtungsbalkon und ist schon wieder sprachlos. Schon die pure Grösse dieses Gletschers ist beeindruckend. Dazu die ständigen berstenden, knirschenden Geräusche und die unglaubliche Schönheit des blau scheinenden Eises. In den Wald auf der dem Gletscher gegenüberliegenden Halbinsel sind verschiedene Beobachtungskanzeln gebaut und auf diesen standen wir dann gebannt wartend. Bei jedem Knacken schauten wir uns gespannt um und warteten auf herabstürzende Eismassen. Und nach kleineren Abbrüchen passierte dann auch wirklich was, daher heute unter den Fotos auch ein kurzer Film.
Anschliessend sind wir dann mit einem Schiff noch bis auf 300m an den Gletscher rangefahren. Das ist bei einer 80m hohen Eiswand recht nah. Aus dieser anderen Perspektive wirkte die riesige vor uns aufragende Wand aus Eis noch mal mächtiger!
Beeindruckend, spannend, wunderschön.
Morgen fahren wir per Bus wieder über die Grenze ins chilenische Puerto Natales. Dort starten wir dann am 4. Januar in unsere fünftägige Wanderung im Nationalpark "Torres del Paine".

die Front des Gletschers: 5km breit, 60-80m hoch













der Perito Moreno und der Lago Argentino



Gletscherabbruch hinterm Tunnel









Samstag, 1. Januar 2011

Mount Fitzroy + Cerro Torre

Am Mittwoch sind wir bei prächtigstem Sommerwetter zu unserer dreitägigen Wanderung am Fitzroy-Massiv aufgebrochen. Vorher hatten wir unser Gepäck um ein kleines Zelt, zwei silbrig glänzende Isomatten und Proviant ergänzt. Vor dem Loswandern hatten wir noch einen kleinen Snack gesucht und waren im Bistro "Ritual del Fuego" gelandet. Dort gab es nicht nur ein unglaublich leckeres Mittagessen, sondern auch einen Koch, der uns als Wanderer erkannte und uns mit vielen guten Tips versorgte. Da dieses Restaurant so nett und das Essen so toll war, reservierten wir hier gleich zwei Plätze fürs Silvestermenü.
Schon vom Dorf Chaltén aus konnten wir die Gipfel der fantastischen Granitberge der Fitzroy-Gruppe sehen.
Die zahlreichen Gipfel des Fitzroy-Massivs ragen weithin sichtbar als spektakuläre, hellgraue, glatte Felstürme aus den sie umgebenden braunschwarzen und schneebedeckten Bergen der südlichen Anden.
Unter den Gipfeln des Massivs ist der Fitzroy mit 3410m der höchste, der Cerro Torre mit 3110m der aufregendste Berg.
Ein sehr schöner Wanderweg führte uns dann gleich in einen lichten Wald, dessen Bäume sich offenbar die verschiedensten Richtungen ausgesucht hatten, um den hier meist garstigen Winden auszuweichen. Meist aber aussichtslos, wie die vielen schon hellgrau ausgebleichten Baumruinen zeigten.
Unser Ziel für den ersten Tag war die Laguna Torre, ein Gletschersee der sich unterhalb des Cerro Torre befindet. Und dieser Cerro Torre ist nicht nur ein Berg - er ist ein echtes Naturereignis. Der "Schrei aus Stein" gilt als einer der schönsten und schwierigsten Berge der Welt. Seine nahezu senkrechten Wände, die keinem Schnee Halt geben, ragen über 1500m über dem Torre-Gletscher auf. Ein fantastischer Anblick bei wunderbar blauem Himmel - erst am späteren Nachmittag hatte der Berg eine Wolke aufgespiesst, wie ein Zahnstocher eine Olive.
Nachdem wir unser Zelt auf einer windgeschützten Lichtung aufgebaut hatten, liefen wir dann noch zum Aussichtspunkt "Mirador Maestri" weiter, benannt nach dem vermeintlichen Erstbesteiger. Unweit des Aussichtspunktes fanden wir dann auch die kleine, im Wald verborgene Hütte Maestris, von der aus er 1970 zum Gipfelsturm aufbrach.
Nach einer etwas unbequemen Nacht auf den ultradünnen Isomatten gings am zweiten Tag weiter zum Mount Fitzroy, dessen Gipfel sich an diesem Tag unter einer Wolke verbarg. Durch das Spiel der Wolken aber ebenfalls ein wahnsinnig beeindruckender Anblick. An der Laguna Suzia, eine Stunde oberhalb des Zeltplatzes, konnten wir dann sehen wie Gletscherteile über eine hohe Steilwand in den See stürzten. In der kommenden Nacht wurde es stürmisch, so dass der Wolkenvorhang am Morgen weggeblasen war. Und so konnten wir nun auch den Fitzroy in seiner ganzen Pracht sehen.
Diese dreitägige Wanderung durch diese einmalige Landschaft war ein neues Highlight unserer Reise! Unvergesslich!
Das neue Jahr feierten wir dann mit tollem Essen im "Ritual del Fuego" und stiessen mit vielen lustigen unbekannten Leuten aufs neue Jahr an.
Gleich steigen wir in den Bus, der uns in vier Stunden nach El Calafate bringen wird. Dort ist dann der Perito Moreno-Gletscher unser nächstes Ziel.

auf dem Weg zur Laguna Torre













die Gipfel von Cerro Torre, Torre Egger, Punta Herron















der "Schrei aus Stein" über dem Torre-Gletscher

Laguna Torre













Fitzroy-Massiv mit windgepeitschtem Wald

Laguna de los Tres mit Fitzroy-Massiv

die Nachbargipfel des Mount Fitzroy













jetzt ohne Wolke: der Mount Fitzroy

Himmel in argentinischen Nationalfarben